Wussten Sie, dass ein erfundenes Dateiformat für Büro-Katzen diese Woche die halbe GEO-Branche in Erklärungsnot gebracht hat? Genau das ist passiert — und es ist die wichtigste Nachricht der Woche für alle, die gerade Budget für die Sichtbarkeit in ChatGPT und Google AI Overviews einplanen.
Ich lese wöchentlich die Beiträge von 30 SEO- und KI-Fachleuten mit und fasse zusammen, was für Unternehmen in Österreich, Deutschland und der Schweiz tatsächlich relevant ist. Diese Woche ging es um drei Dinge: eine zerlegte Beweisführung, eine Ranking-Unruhe ohne offizielle Bestätigung — und darum, dass Ihr Produktfeed plötzlich drei Plattformen gleichzeitig bedient.
Das Wichtigste in 30 Sekunden
- llms.txt hat keine belastbare Beweislage. Ein erfundener Standard bestand exakt dieselben vier „Beweise“.
- 97 % aller llms.txt-Dateien wurden laut Ahrefs-Studie im Mai kein einziges Mal abgerufen.
- Vergleichsseiten („X vs. Y“) korrelieren am stärksten mit KI-Traffic — stärker als „Beste X“-Listen.
- Starke Ranking-Bewegung vom 1. bis 3. August, aber kein von Google bestätigtes Update.
- ChatGPT zeigt Produkt-Karussells — gespeist aus demselben Feed-Format wie Google Shopping.
llms.txt: Wie eine Katzen-Datei die GEO-Beweisführung zerlegt hat
Seit Monaten empfehlen Agenturen und Tool-Anbieter, eine Datei namens llms.txt auf der eigenen Website zu hinterlegen. Die Idee: Man gibt großen Sprachmodellen eine aufbereitete Übersicht der eigenen Inhalte und wird dadurch in KI-Antworten häufiger genannt. Kostet wenig, klingt plausibel — und wird entsprechend oft verkauft.
Mark Williams-Cook hat diese Woche eine Gegenprobe veröffentlicht, die man so schnell nicht vergisst. Er erfand ein vollständig fiktives Format namens cats.txt — eine Datei, in der man seine Büro-Katzen deklariert, samt Rasse, Aufgabe und Schnurr-Häufigkeit. Er schrieb eine Spezifikation dazu, veröffentlichte sie und prüfte dann, ob cats.txt dieselben vier Belege erfüllt, die üblicherweise für llms.txt angeführt werden.
Alle vier „Beweise“ funktionierten auch für die Katzen-Datei
- Sie wird gecrawlt. KI-Bots riefen cats.txt tatsächlich ab.
- Sie wird indexiert. Google nahm die Datei in den Index auf.
- LLMs geben ihren Inhalt wieder. Modelle nannten Katzen-Details, die ausschließlich in dieser Datei stehen.
- Der Chatbot bestätigt den Nutzen. ChatGPT erklärte auf Nachfrage, cats.txt könne beim Ranking helfen.
Warum eine LLM-Antwort kein Beweis ist
Kurz zur Einordnung, falls Ihnen die Begriffe nicht geläufig sind: Crawling heißt, dass ein Bot die Datei abruft. Indexierung heißt, dass Google sie in seinen Bestand aufnimmt. Beides sagt noch nichts darüber aus, ob die Datei irgendeine Wirkung auf Rankings oder KI-Antworten hat. Wenn Sie diese Grundlagen auffrischen möchten, finden Sie sie kompakt in meinem Beitrag SEO für Dummies.
Der entscheidende Punkt ist der vierte. Wenn Sie ein Sprachmodell fragen, ob llms.txt hilft, führt es kein Experiment durch und denkt nicht nach. Es gibt das zurück, was am häufigsten dazu geschrieben wurde. Und geschrieben wurden vor allem hunderte selbstbewusste Blogbeiträge und Anbieter-Präsentationen, die die Antwort bereits voraussetzen. Das Modell spiegelt diesen Konsens zurück — auch wenn er unbelegt ist.
Aleyda Solis und Lily Ray, zwei der meistgelesenen Stimmen der Branche, haben den Befund über die Woche weitergetragen. Die Debatte ist damit nicht mehr randständig.
Warum sich die Empfehlung trotzdem verbreitet
Wer auf X oder LinkedIn nach llms.txt sucht, findet keine Studien, sondern Empfehlungslisten. Die Datei steht dort neben Maßnahmen, die tatsächlich belegt sind — und erbt dadurch deren Glaubwürdigkeit. Zwei Beispiele aus dem vergangenen Jahr, anonymisiert:
Und genau hier schließt sich der Kreis zum vierten „Beweis“. Je häufiger solche Beiträge geliket und geteilt werden, desto größer ihre Reichweite — und desto öfter werden sie zitiert, in Blogartikeln aufgegriffen und in Agenturpräsentationen übernommen. Was am häufigsten geschrieben steht, wird zum dominierenden Textmuster im Netz. Und ein Sprachmodell gibt das dominierende Textmuster zurück. Die Empfehlung wird also nicht deshalb von ChatGPT bestätigt, weil sie stimmt, sondern weil sie oft genug wiederholt wurde. Ein KI-Modell als Beleg heranzuziehen heißt dann: Man fragt das Echo, ob der Ruf richtig war.
Was die Daten sagen
Ahrefs hat im Juni die bislang größte Erhebung dazu veröffentlicht: 137.000 Domains wurden ausgewertet. 28 % davon haben eine llms.txt hinterlegt — und 97 % dieser Dateien wurden im gesamten Mai kein einziges Mal abgerufen. Weder von einem Bot noch von einem Menschen.
Bei den restlichen 3 % kamen 19,5 % der Zugriffe von KI-Bots. Die für Sichtbarkeit entscheidenden Retrieval-Bots — also jene, die Antworten in ChatGPT oder Perplexity mit Quellen füllen — machten davon 1,1 % aus. Slackbot rief mehr llms.txt-Dateien ab als PerplexityBot. Und: Kein einziger KI-Bot suchte nach einer llms.txt, die es nicht gab. Es geht also auch niemand aktiv auf die Suche.
Was heißt das für Sie?
Bestehen Sie auf kontrollierten Tests statt auf Screenshots von Chatbot-Antworten. Wenn Ihnen eine Agentur GEO-Leistungen verkauft und als Nachweis eine ChatGPT-Antwort zeigt, ist das kein Nachweis — es ist ein Echo der Marketingtexte, die zu diesem Thema im Netz stehen. Praktisch: llms.txt kostet Sie fast nichts, hinterlegen Sie sie gerne. Aber führen Sie dafür keine eigene Budgetposition und keinen Reporting-KPI ein. Was stattdessen trägt, ordne ich in der SEO Beratung ein — mit Maßnahmen, die sich belegen lassen.
Vergleichsseiten schlagen „Best of“-Listen in der KI-Suche
Ross Hudgens hat für seine Kunden alle kommerziellen Inhaltstypen gegen den KI-Traffic auf Domain-Ebene korreliert. Das Ergebnis ist für die Redaktionsplanung unmittelbar verwertbar: Den stärksten Zusammenhang zeigten Vergleichsseiten nach dem Muster „Produkt A vs. Produkt B“ — nicht „Die besten X“ und nicht „X Alternativen“.
Seine Einordnung: Die erste GEO-Phase drehte sich um reine Sichtbarkeit. Die zweite Phase wird sich um Messung und Monitoring drehen. Neil Patel hat das dazugehörige Risiko diese Woche treffend formuliert — man verliert in der KI-Suche, ohne je zu erfahren, dass man überhaupt im Rennen war. Fragt jemand eine KI nach der besten Option in Ihrer Branche, nennt sie zwei oder drei Anbieter. Sind Sie nicht darunter, entsteht kein Klick, keine Impression, kein Datenpunkt. Der Interessent erfährt schlicht nie, dass es Sie gibt.
Konkret umsetzbar diese Woche
Legen Sie eine Vergleichsseite gegen Ihren stärksten Wettbewerber an — ehrlich, mit Stärken und Schwächen beider Seiten. Und richten Sie ein einfaches Prompt-Monitoring ein: Notieren Sie zehn Fragen, die Ihre Kunden einer KI stellen würden, und prüfen Sie einmal im Monat, ob Ihr Unternehmen in den Antworten vorkommt. Das ersetzt kein Tool, ist aber besser als die derzeit übliche Blindflug-Situation. Welche Seiten bei Ihnen zuerst entstehen sollten, klären Keyword-Set und Roadmap aus der SEO Beratung.
Ranking-Unruhe Anfang August — ohne bestätigtes Update
Barry Schwartz meldet für den 1. bis 3. August deutliche Ausschläge in allen gängigen Tracking-Tools. Betroffene Website-Betreiber beschreiben ihre Rankings als „wie im Mixer“. Wichtig für Ihre Einordnung: Google hat für diesen Zeitraum kein Core Update bestätigt. Was kursiert, ist bislang unbestätigte Community-Beobachtung.
Reddit, AI Overviews und ein 60-Millionen-Deal
Parallel dazu stellte Google klar, dass Reddit keine bevorzugte Behandlung in Rankings oder KI-Ergebnissen erhält. Der Kontext macht die Aussage interessant: Google lizenziert Reddit-Inhalte für rund 60 Millionen US-Dollar jährlich — und Reddit verlor bei den Core- und Spam-Updates im Mai und Juni dennoch Sichtbarkeit. Berichten zufolge arbeitet Reddit inzwischen daran, den Lizenzvertrag zu beenden.
Reddit-Chef Steve Huffman wurde deutlich: Die klassischen zehn blauen Links hätten enormen Wert für das gesamte Ökosystem geschaffen, AI Overviews bislang keine vergleichbare positive Wirkung. Nach den Quartalszahlen fiel die Reddit-Aktie um über 20 Prozent. Lily Ray kommentierte trocken, dass es schlimm stehen müsse, wenn selbst der Reddit-CEO das sage.
Was heißt das für Sie?
Reagieren Sie nicht hektisch auf die August-Bewegung. Ohne bestätigtes Update sind Hau-Ruck-Änderungen riskanter als Abwarten — Sie könnten funktionierende Seiten kaputt optimieren. Sichern Sie stattdessen jetzt Ihre Zahlen: Exportieren Sie Rankings und Search-Console-Daten für die Wochen vor und nach dem 1. August. Wird später ein Update bestätigt, haben Sie eine saubere Vergleichsbasis, während andere raten müssen. Wenn Sie schon jetzt Einbrüche sehen und die Ursache nicht finden, ist ein SEO Audit der schnellere Weg als weiteres Herumprobieren.
ChatGPT wird zum Shopping-Kanal
OpenAI hat ein Karussell für mehrere Produkte innerhalb einer einzigen Anzeigenplatzierung ausgerollt, dazu oCPC-Kampagnen und dynamische URL-Parameter. Entscheidend ist die technische Grundlage: Das Karussell zieht seine Daten aus Händler-Produktfeeds — im selben Dateiformat, das Sie für Google Shopping ohnehin schon pflegen. OpenAI entscheidet dabei selbst, ob eine Anfrage ein Karussell oder eine Einzelanzeige erhält.
Dazu passt ein Praxistest von Brodie Clark: Im Microsoft Merchant Center erschienen kostenlose Einträge im Shopping-Tab erst, nachdem Anzeigen aktiviert wurden — entgegen der offiziellen Dokumentation. Produktfeeds werden damit zur gemeinsamen Grundlage für Sichtbarkeit bei Google, Bing und in KI-Antworten.
Der Hebel mit dem besten Aufwand-Wirkungs-Verhältnis
Wenn Sie E-Commerce betreiben, ist Ihr Produktfeed diese Woche die lohnendste Baustelle — ein Feed, drei Kanäle. Prüfen Sie Titel, Preise, Verfügbarkeit, Bilder und Bewertungen auf Vollständigkeit. Feed-Pflege gilt als undankbare Fleißarbeit; sie ist gerade die günstigste Sichtbarkeitsmaßnahme, die Sie haben. Weil Feeds laufend nachgepflegt werden müssen, ist das typischerweise ein Fall für die monatliche SEO Betreuung statt für ein einmaliges Projekt.
Fazit: Was Sie diese Woche konkret tun sollten
Die Woche lässt sich auf einen Satz eindampfen:
In der KI-Suche wird derzeit sehr viel behauptet und sehr wenig belegt.
Wer jetzt Budget verteilt, sollte Belege einfordern — und in der Zwischenzeit an den Dingen arbeiten, deren Wirkung nicht von Vermutungen abhängt.
- Belege einfordern. Kein GEO-Budget auf Basis von Chatbot-Antworten. llms.txt gerne mitnehmen, aber nicht als Maßnahme führen.
- Eine Vergleichsseite bauen. „Ihr Unternehmen vs. Wettbewerber“ — der Inhaltstyp mit der stärksten Korrelation zu KI-Traffic.
- Zahlen sichern. Rankings und Search-Console-Daten rund um den 1. August exportieren, bevor die Daten aus dem Zeitfenster rutschen.
- Produktfeed prüfen. Ein gepflegter Feed bedient Google Shopping, Bing und ChatGPT-Karussells gleichzeitig.
- Zehn Prompts festlegen. Fragen, die Ihre Kunden einer KI stellen würden — und monatlich prüfen, ob Sie in den Antworten vorkommen.
Sie sind unsicher, welcher dieser Punkte in Ihrem Fall zuerst dran ist? Dann fragen Sie ein kostenloses Erstgespräch an — 30 Minuten, ohne Verkaufsdruck, mit einer ehrlichen Einschätzung Ihrer Website.
Quellen
- Mark Williams-Cook: How cats.txt showed llms.txt evidence is GEO astrology
- Mark Williams-Cook: Introducing cats.txt — the missing standard for SEO & GEO
- Ahrefs: We Analyzed 137K Sites: 97% of llms.txt Files Never Get Read
- Search Engine Land: ChatGPT Ads rolls out oCPC campaigns, AAM and product carousels
- CNBC: Reddit CEO says Google’s AI Overviews can’t replace ‘10 blue links’
- PPC Land: Reddit loses search traffic as Google denies any ranking preference
- Search Engine Roundtable: Wild Google Ranking Volatility, Reddit Special Preference, Big Google Executive Shakeup